Geteert und Gefedert

geteert und gefedert 01

Spricht man heute vom Teeren und Federn, so ist es metaphorisch gemeint. Dahinter steckt der Wunsch nach einer öffentlichen Ächtung und empfindlichen Bestrafung. Obgleich seit vielen Jahrzehnten nicht mehr eingesetzt, ist der Begriff – wahrscheinlich aufgrund seiner Bildhaftigkeit – nach wie vor sehr präsent. Die erste Erwähnung geht auf die Kreuzzüge um 1190 zurück. Im Mittelalter war das Teeren und Federn als Ächtungsstrafe durchaus üblich, in den seltensten Fällen ging ein Gerichtsurteil voraus. Im Amerika der Pionierzeit erlebte die Form der Bestrafung eine Blütezeit: Falschspieler, Betrüger und Verräter wurden von der aufgebrachten Menge bis zur Taille entkleidet, mit Teer übergossen oder eingerieben und mit Federn überschüttet bzw. darin gewälzt. Anfang des 20. Jahrhunderts kam das Teeren und Federn aus der Mode. Das könnte einerseits daran liegen, dass Kriminelle zunehmend resozialisiert wurden. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass die dazu notwendigen Utensilien immer seltener greifbar waren …

geteert und gefedert 02
Heißer Teer auf nackter Haut: Material und Wirkung

Zum Einsatz kam meist Teer aus Fichtenholz, der zum Abdichten von Fässern, Dächern und Schiffen benötigt wurde. Ein schwarzes, zähflüssiges und übel riechendes Gemisch, das bei ca. 60º C schmolz und somit zu Verbrennungen 1. bis 2. Grades geführt haben dürfte. Die Folgen waren Rötungen und Schwellungen der Haut, Schmerzen und teilweise Blasenbildung. Die Federn blieben im klebrigen Teer hängen; manchmal dauerte es Tage bis zur vollständigen Reinigung. Alle Erscheinungen waren jedoch vollständig reversibel, so dass es zu keinen bleibenden Schäden kam.

geteert und gefedert 03
„The victim had a lot less fun than his tormentors.“
(„Das Opfer hatte erheblich weniger Spaß als seine Peiniger“)

Das sollte beim Fotoshooting vermieden werden. Deshalb verwendete der „Peiniger“ in diesem Fall statt Teer das bekannte Aachener Pflümli, hergestellt aus Pflaumen, Säuerungsmittel, Zitronensäure und Gewürzen – und somit äußerst schmackhaft.

Mehr dazu unter www.geteert und gefedert.de

Text Christa Becker
Design Jürgen Bohl
Fotos
Claus Dieter Geissler




Kommentar schreiben

Formatting: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Ältere Artikel

magazinXY

Begonnen hat unser Projekt als Online-Magazin, fortgesetzt wird es als Blog. Dabei bleiben wir unserem Prinzip treu: Ein Begriff prägt die Themenauswahl der jeweiligen Ausgaben. Ein Begriff, den wir in seiner Tiefe ausleuchten und der damit zu immer neuen sprachlichen und gestalterischen Deutungen einlädt.

Kategorien

irren
Novmeber
schwarz+weiß
Goodbye
geteert und gefedert
Schneewittchen
Fundstücke
Heimatkunde